Der 12 Mai war der letzte Eintrag in Dragunov’s Tagebuch. Scheinbar wurde er wirklich am nächsten Tag hingerichtet. Wir haben viel recherchiert, um herauszufinden, wer er wirklich war und woher er kam. Doch es war nichts herauszufinden und sein Tagebuch ist das Einzige, was wir von ihm haben.

Irgendwie hatte Dragunov schon Recht, hätten wir das Tagebuch nicht gefunden, wäre es so, als hätte es ihn nie auf dieser Welt gegeben. Denn es gäbe keinen Beweis für seine Existenz. Aber so geht seine Geschichte weiter, auch wenn er es wahrscheinlich gar nicht gewollt hätte. Vielleicht streben die Menschen auch deshalb nach Ruhm und Macht, einfach, um nicht vergessen zu werden. Ein Aspekt, den Dragunov in seinen Überlegungen nie bedacht hatte.

Wie auch immer, wir hoffen, dass wo immer er auch ist, er endlich seine Ruhe und Frieden gefunden hat. Und möge er uns verzeihen sein Tagebuch veröffentlicht zu haben. Wir wünschen, alles Gute.

Die Welt des Esels ist die Scheune, also denkt er, die Scheune ist die Welt.

Das Leben ist sinnlos und trotzdem leben wir. Der Glaube ist sinnlos und trotzdem glauben wir. Wer sagt mir denn, dass das Leben sinnlos sei? Ich bin es. Wie komme ich dazu? Weil mein rationales und logischen Denken zu diesem Schluss kommt. Wer sagt mir aber, dass mein Denken fehlerfrei sei? Dass meine Logik richtig sei? Mein Hirn hatte mich schon einmal getäuscht, wer sagt mir also, dass es diesmal anders ist? Wer sagt mir denn, dass ich nicht dieser Esel bin? Der Esel kennt nur die Scheune, ich kenne nur den Krieg. Ich bin ein Esel. Im Krieg geboren, im Krieg gelebt, ich kenn nichts anderes. Und aus diesem Bisschen ziehe ich meine Schlüsse. Jetzt, wo ich etwas Ruhe habe, merke ich erst, wie klein meine Welt war. Wie sollte ich da den Sinn im Leben sehen? Im Glauben? Und für mich ergeben diese Dinge immer noch keinen Sinn. Doch sind die daher wirklich sinnlos? Die Frage wird wohl nie jemand wirklich beantworten können. Und vielleicht sollte man sie auch gar nicht stellen. Der Mensch ist schwach, er muss an etwas glauben um leben zu können. Und da er nun verdammt ist zu leben, muss er glauben. Das war’s.

Morgen ist es wohl soweit, der Priester kam heute. Schade, eine Seite hätte ich noch.

Endlich haben die das Urteil gesprochen. Endlich. Dragunovs Geschichte endet bald. Im Grunde kann es nun jeden Augenblick passieren, jeden Augenblick können die mich holen kommen. Habe ich Angst? Ich glaube nicht. Warum sollte ich auch? Aus dem Nichts gekommen, gehe ich wieder ins Nichts. Ich gehe dahin, wo ich herkam und ich komme nie mehr wieder. Das Nichts, das einzig Ewige in diesem Universum. Bist du einmal da, gibt es kein Zurück mehr. Dann ist nichts mehr von Bedeutung, was du warst, wer du warst, nichts. Es hat dich nie gegeben.

Verhöre, Verhöre, Verhöre. Ich weiß nicht, was die noch von mir hören wollen, die haben doch schon alles gelesen. Ich habe auch alle deren Anschuldigungen gestanden, also was wollen die noch von mir? Die wissen doch, wie es enden wird, ich weiß. Ich will endlich Ruhe haben. Deren Gerede über deren bescheuerten Gott, ich kann es nicht mehr hören. Immer dasselbe, Gott hier, Gott da, sonst nichts. Wenn die an deren verfluchten Gott immer noch glauben wollen, dann sollen die doch, aber die sollen mich dabei in Ruhe lassen. Wie kann man überhaupt nach all dem, was passiert ist, immer noch an diesen Gott glauben? Wie? Geht es hier überhaupt um Gott? Die haben doch nur Angst, dass deren Macht schwinden wird. Und das wird sie. Ohne die Mauer, auf der deren ganze Religion gestützt war, ist sie einen Dreck wert. Was sind da schon die Paar Tagebucheinträge eines Spinners, die eh kein Mensch je zu Gesicht bekam. Aber wenn es Einen gibt, der so denkt, wie viele wohl gibt es noch da draußen? Das macht denen Angst. Bald wird eine Jagd beginnen, die letztendlich doch zu nichts führen wird. Und es wird wohl noch ne Weile dauern bis die begreifen, dass die am absteigenden Ast sind und vielleicht finden die bis dahin auch eine neue Geisel das dumme Volk zu blenden. Im Tricksen waren die schon immer gut. Nur mich sollen die endlich in Ruhe lassen. Die sollen es endlich hinter sich bringen, es soll endlich vorbei sein. Mich interessiert weder deren Religion, noch deren Gott, ich will nur, dass es endlich vorbei ist.

Alles ist vorbei. Der Krieg, die Mauer, das Märchen vom Paradies, alles. Ich wollte lachen, wenn ich deren enttäuschten Gesichter sehen würde, nur war mir nicht danach. Stattdessen wurde ich von Wut ergriffen, unglaublicher Wut. Rage. Jeden dieser Fettsäcke, den ich zu fassen bekam, habe ich erstochen oder ich stieß die in die Fluten. Auch der Oberpriester ist so in den Fluten umgekommen. Verfluchter Trottel, vier Jahre Krieg für eine Überflutung. Vier Jahre für den Arsch. Es war ein Damm, den die Menschen vor Urzeiten gebaut haben, es war ein verfluchter Damm. Die ganze Mauer war nur ein bescheuerter Damm. Als die es geschafft hatten die Metallfäden zu entfernen, da fing es an. An der Bruchstelle entstanden Risse, die langsam immer größer wurden. Die Trottel hielten das für ein gutes Zeichen, Gott selbst würde denen helfen durch die Mauer zu kommen. Und dann geschah es, die nur noch ganz dünne, von Rissen übersäte Wand konnte dem Wasserdruck an der Bruchstelle nicht mehr standhalten. Das Wasser schoss aus dem Loch heraus und nur wenige Augenblicke später riss es unter tosendem Lärm die gesamte Mauer runter. Wie nasses Papier wurde die mächtige Mauer niedergemäht, zerquetscht, zerdrückt und weggespült. Nichts ist von ihr übriggeblieben. Die verfluchten reichen Trottel, in Panik rannten die davon. Gottes Strafe, riefen die. Jeden, den ich fassen konnte, habe ich abgeschlachtet. Dem Oberpriester hackte ich die Beine ab, damit er in seinem Paradies ertrinkt. Es war nicht Gottes Strafe, es war meine. Und nun? Nun steht die halbe Insel unter Wasser. Häuser, Felder, Menschen einfach weggespült. Ein tolles Paradies! Davon wollte Dragunov erlöst werden? Dafür hat der die ganze Zeit gepredigt? Dafür musste der mich erschaffen? Dafür musste ich für ihn so lange schlachten? Verflucht soll der sein. Der kann nur froh sein, dass der das nicht mit ansehen muss. Der wollte Tausende erlösen. Stattdessen werden nun Millionen umkommen. Die wollten es so. Alles haben die so gewollt. Nach dem Hunger kam der Krieg, den das Paradies ersetzen sollte, nun kommt noch mehr Hunger. Viel mehr.

Aber mich stört es nicht, ich werde eh nicht mehr lange leben. Nachdem ich deren ach so heiligen Übervater so grausam ermordet habe, bleibt denen nichts anderes übrig. Die haben meine Tagebücher gefunden und konfisziert. Nur dieses eine blieb bei mir, weil der Werter Dragunov kannte. Was die in den Tagebüchern gelesen haben, hat denen wohl auch nicht gefallen. Nun werde ich auch noch der Gotteslästerung, Heiligenlästerung, Königslästerung, Ungläubigkeit, Blasphemie, Ketzerei, des Hochverrats und was weiß ich noch beschuldigt. So schnell wird aus dem Helden wieder ein Niemand. Mir egal, ich habe auf dieser Welt eh nichts mehr. Was soll ich noch hier? Je schneller die es hinter sich bringen, desto besser. Für die und mich. Dann hat alles wirklich ein Ende. Dragunov ist dann zu Ende.

Die verfluchte Mauer steht immer noch. Wie sehr die auch heute versucht haben ein Durchgangsloch in die Mauer zu schlagen, letztendlich haben die es nicht geschafft. Morgen wollen die Trottel weitermachen, solange bis die durch sind. Auch morgen muss ich die ganze Zeit dastehen und warten. Warten mit diesen reichen, fetten Trotteln, die wegen des Gewichts ihrer Klunker und ihres Goldes nicht länger als zwei Minuten am Stück stehen können. Was wollen die im Paradies, das haben die doch längst hier? Was wollen die da? Erwarten die denn noch ein besseres Leben? So ist es wohl, so ist der Mensch, nie hat er genug. Immer mehr will er, immer mehr und nur für sich allein. Verrecke du heute und ich erst irgendwann, so lebt er, so ist er. Nie wird sich das ändern. Schon lustig, das ausgerechnet so ein Wesen Gott am nächsten sein soll. Da ist es wohl auch nicht verwunderlich, warum die alle an einen sadistischen und egoistischen Gott glauben. Weil deren Gott das Ebenbild des Menschen ist und nicht andersherum. Egal, morgen ist damit ehe vorbei. Wenn die Mauer fällt, wird deren Gott sterben. Ohne Paradies kein Gott.

Bescheuerte Welt! Da macht man alles um umgebracht zu werden, stattdessen wird man zum gefeierten Helden. Wer könnte es schon ahnen, dass mein Stoßtrupp im Alleingang die Mauerverteidigung vernichtet? Wer könnte es schon ahnen, dass mein wilder Sturm nach vorne, mit der Hoffnung abgeschossen zu werden, zu einer Motivation des gesamten Trupps werden würde? Wer könnte es schon ahnen, dass ich dabei nur leicht verwundet werden würde und immer noch am Leben bleibe? Wer? Verfluchtes Leben. Da willst du es beenden und es lässt dich nicht. Bescheuerte Welt.

Der verfluchte Krieg ist zu Ende. Die Anderen haben nicht mehr die Kraft die Mauer zurückzuerobern. Morgen oder übermorgen werden die kapitulieren. So lange habe ich auf das Ende des Krieges gewartet. Jetzt ist er da und mich kümmert es nicht. Der so lange herbeigesehnte Meilenstein ist nun nichts weiter als ein weiteres unbedeutendes Ereignis in einem sinnlosen Leben. Lächerlich! Da ich immer noch hier bin, muss ich es wohl hinnehmen. Als ein Held darf ich nun als einer der ersten ins Paradies eintreten, morgen wollen die anfangen die Mauer einzureißen. Als ob ich es nötig hätte. Aber ich werde lachen, wenn ich deren enttäuschten Gesichter sehe. Auslachen werde ich die. Alle werde ich die auslachen. Jeden einzelnen.

Es ist wohl soweit. Morgen soll die entscheidende Schlacht um die Mauer stattfinden. Die Reservekräfte sind nun da. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Ob der Klerus sein Paradies bekommt, ob der König sein Land, ob der Adel seine Macht, alles wird nach der Schlacht entschieden. Ist mir alles scheißegal. Ob die Mauer fällt oder weiter steht macht kein Unterschied mehr. Nichts ist mehr von Bedeutung. Trotzdessen muss ich in diese Bescheuerte Schlacht mitziehen. Diese bescheuerten Trottel haben mich zum Befehlshaber des Stoßtrupps ernannt. Ich pfeife darauf. Morgen wird alles ein Ende finden, denn ich werde nur einen einzigen Befehl geben, „Stürmen!“. Der Stoßtrupp und ich, morgen ist alles zu Ende.

Dragunov ist endlich tot. Endgültig. In diesem Körper gibt es den nicht mehr und der wird nie mehr wiederkommen. Was für eine Ironie, der wollte, dass ich mich erinnere und dann verschwinde. Ich konnte mich aber nur erinnern weil der verschwunden ist. Im Nachhinein betrachtet wäre ich lieber in meiner Fantasiewelt geblieben. Denn zu wissen, dass wir ein und dieselbe Person waren, versetzt mich in Rage. Dieser verfluchte Feigling, auf ewig soll der verflucht sein. Wegen dem musste Elisabetta sterben. Wegen dem hat dieses Miststück sie umgebracht. Verfluchte Schlampe!

Meine Wut zerreißt mich und wenn ich nur könnte, würde ich die gesamte Welt um mich herum auseinanderreißen. Ich will wieder in meine Fantasiewelt, ich will wieder alles vergessen. Diese Erinnerungen, sie schmerzen und zerdrücken mich. Verfluchter Dragunov, es ist alles seine Schuld. Für seinen bescheuerten Gott hatte der alles gegeben. Wochenlang war der auf irgendwelchen Messen und Pilgerreisen unterwegs. Der hat versucht Tausenden zu helfen, sein Weib und Tochter blieben aber immer allein auf sich gestellt. Und wenn dieser Trottel mal da war, betrunken von den Feiern mit seinen Glaubensbrüdern, hat der die immer nur zurechtgewiesen. Dabei hat die sich wohl nichts Sehnlichstes erwünscht, als ein warmes Wort, eine zärtliche Umarmung. Letztendlich hat die Schlampe wohl keinen anderen Weg gesehen, als sich umzubringen. Und um es dem noch Mal zu zeigen, hat die auch das Mädchen mitgenommen. Würde der dann zumindest zu seinem Tun stehen, dann hätte sich seine Persönlichkeit nie gestört. Aber der hat Schuldgefühle bekommen. Suchte einen Weg seine Sünde reinzuwaschen. Da kam der Krieg für eine vermeintlich gute Sache nur zu Recht. Fürs Recht einzutreten und schließlich in das Paradies zu gelangen, das wäre die Rettung. Doch tief in seinem Inneren wusste der ganz genau, eigene Landsleute wegen eines Stücks Mauer abzuschlachten, kann keine gute Sache sein. Aus diesem Dilemma heraus wurde ich geboren. Ich, der keine Skrupel hat, Menschen abzuschlachten, der an nichts glaubt, das war seine Lösung. Das Schlimme war nur, der selbst hatte es nicht gemerkt und auch ich nicht. Vier Jahre lang haben wir so gelebt, zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten in einem Körper. Doch nun ist alles vorbei, für immer. Im Grunde ist es das Beste, was dem passieren konnte. Im ewigen Nichts gibt es keine Sünden, keine Schuldgefühle, gar nichts. Und ich? Ich hab nichts mehr. Keine Tochter, kein Zuhause, kein Ziel. Nur Wut und Rage. Ich bin einfach müde, unfassbar müde. Am liebsten würde ich jetzt einschlafen und nie mehr aufwachen. Das Nichts, wie sehr ich es herbeisehne. Das wahre Paradies.

Ich soll nicht wirklich sein? Elisabetta ist tot? Hat der sie noch alle? Was erzählt der da? Der verfluchte Trottel hat wohl ganz den Verstand verloren. Wie kann ich nur ein Geist sein, wenn ich doch hier bin, einen Körper habe und in meinem Tagebuch schreiben kann? Ich bin real aus Fleisch und Blut, hier bin ich. Wie kann meine Tochter schon so lange tot sein, ohne dass ich es gewusst habe? Das kann nicht sein. Unmöglich. Dragunov muss einfach verrückt geworden sein. Das Chaos um ihn herum ist dem zu viel geworden. Wie denn sonst kommt man auf derart kranke Gedanken? Allein die Vorstellung, ich und er seien ein und dieselbe Person, ist absolut absurd. So etwas kann es nicht geben. Niemals. Und dann versucht der auch noch wieder, mir an seiner Unfähigkeit die Schuld zu geben. Verfluchter Feigling. Der selbst soll verschwinden, für immer. Der ist doch einfach nur verrückt. Es wird Zeit, dass dieser sinnlose Krieg endlich zu Ende geht und ich endlich nach Hause komme. Wenn ich weiterhin von solchen Idioten umgeben sein werde, werde ich womöglich genauso enden. Ich muss hier weg. Ich merke ja nicht einmal mehr, wann der mein Tagebuch stielt oder meine Briefe durchliest. Ich bin müde. Ich muss hier wirklich weg. Nach Hause, zur Elizabetta. Meine schöne Elizabetta, du bist nicht tot, das weiß ich. Du wartest auf den Tag, an dem ich zurückkomme. Bald hat das Warten ein Ende, das verspreche ich dir. Bald bin ich zu Hause, bald.

Wichtig: bitte das Lesen der Geschichte mit dem 30 Januar beginnen, Danke!

Aus der Zeit des Mauerkrieges gibt es viele Aufzeichnungen und Berichte. Genauso wurden viele Soldatentagebücher entdeckt. Sie alle beschreiben die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges auf ihre eigene Weise. In vielen Punkten ähneln sie sich jedoch stark. Vor zwei Jahren jedoch wurde ein Tagebuch ausgegraben, das so mit keinem anderen verglichen werden kann. Wir haben lange überlegt, ob wir es veröffentlichen sollten und uns letzendlich doch dazu entschieden. Nun dürft auch Ihr am Leben dieses Offiziers teilhaben. Lest selbst und bildet euer eigenes Urteil.

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